Frauen und Technik? Selbstverständlich!

15.08.2022 von Rebecca Pozzoli Reportage

Interview mit Victoria Locher zukünftige Polymechanikerin EFZ Ypsomed AG, Burgdorf

Technologie ist nichts Trockenes, sondern ein spannendes Wirkungsfeld mit viel Zukunftspotenzial und guten Lohnaussichten. Dem ist sich Victoria voll bewusst. Während sich bei manchen Leuten das Vorurteil festgesetzt hat, dass technische Berufe eine reine Männerdomäne darstellen, in der Frauen nichts zu suchen haben, beweist sie als geschickte Technikerin das Gegenteil: «Es kommt nicht darauf an, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Es zählt einzig und alleine die gemeinsame Begeisterung für Technik!»

Victoria, du bist im dritten Lehrjahr als Polymechanikerin EFZ. Wie ist es dazu gekommen?

Mein Vater ist gelernter Automechaniker. Er hat mich schon als kleines Mädchen an Fahrzeugen schrauben lassen und das hat mir stets sehr gefallen. Deshalb habe ich mich in der Berufswahlphase gezielt über verschiedene technische Berufe informiert. Ursprünglich habe ich mich vor allem für den Beruf Uhrmacher/in EFZ interessiert. Doch dann gab es da diesen Schnuppertag für den Beruf Polymechaniker/in EFZ und ich habe sofort gemerkt, dass mein Herz für diesen Beruf schlägt.

Erzähl’ uns vom Schnuppern!

Ui, da habe ich tatsächlich einige Erfahrungen… Ich habe an sage und schreibe vier Orten geschnuppert, um mich für eine geeignete Firma zu entscheiden. Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass sich dieser Aufwand gelohnt hat. Ich hätte nie gedacht, dass das Arbeitsklima in verschiedenen Firmen so unterschiedlich sein könnte. Es gab Unternehmen, in denen die Arbeiten eher repetitiv waren, weil stets ähnliche Werkstücke bearbeitet worden sind. Und es gab Unternehmen, die einen eher schmuddeligen Eindruck gemacht haben. Beides war nicht der Fall bei Ypsomed AG. Ich kann mich äusserst glücklich schätzen, dass ich schliesslich genau bei meinem Favoriten die Lehre beginnen durfte.

Was genau macht die Ypsomed AG?

Ypsomed produziert Pens und Pumpen, mit denen sich Kranke selbständig Medikamente verabreichen können. Unsere Hauptklientel sind Diabeteskranke, die Insulin benötigen. Mir hat von Anfang an der Gedanke gefallen, etwas herzustellen, das den Menschen hilft. Ausserdem ist die Produktionsstätte äusserst modern eingerichtet mit mega coolen Maschinen. Als ich mich beworben habe, ist mir gesagt worden, dass Ypsomed Lernende mit dem Ziel ausbildet, sie später weiter beschäftigen zu können. Auch das finde ich toll.

Und was genau machst du als zukünftige Polymechanikerin?

Hm, es ist nicht ganz einfach, dies zu erklären. Kurz: ich drehe und fräse. Aber das sagt euch jetzt wahrscheinlich nicht viel, oder? Also: Ich helfe dabei, die Kunststoffspritzformen zu bauen, die schliesslich aus Kunststoff die Pens und Pumpen für die Medikamente produzieren. Ich fertige aus einem Stück Metall ein Werkstück, das dann zu einer Baugruppe zusammengebaut werden kann und eine spezifische Funktion übernimmt. Am Anfang der Lehre habe ich dies von Hand mit konventionellen Maschinen gefertigt, ab dem zweiten Lehrjahr an computergesteuerten CNC-Maschinen. Diese gilt es so zu programmieren, dass die komplexen Bauteile am Ende genau zusammenpassen. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich, weil immer andere Werkstücke produziert werden und abwechselnd gefräst, gedreht und ab und an auch flach- und rundgeschliffen wird. Es ist faszinierend, wie mittlerweile durch neue Produktionsverfahren sogar Metallteile in 3D-Druckern produziert werden können. Davon kann ich nicht genug bekommen!

Was gefällt dir an deinem Beruf am besten, was weniger gut?

Mir gefällt, dass man als Polymechaniker/in EFZ weitgehend selbständig arbeiten kann. Man kann sich richtiggehend in die Arbeit vertiefen und kommt so manchmal sogar in einen Flow. Aber es wird gleichzeitig auch im Team gearbeitet und man hilft sich aus, wenn jemand nicht weiterkommt. Am Abend die Resultate zu sehen, das ist sehr befriedigend! Weniger angenehm war anfangs das viele Stehen. Doch daran habe ich mich schnell gewöhnt. Ausserdem gibt es auch Tätigkeiten, die ich nicht mag, z.B. der Wechsel des Kühlwassers, das Öl enthält, eklig aussieht und stinkt. Aber schliesslich gibt es in jedem Beruf Tätigkeiten, die einem weniger gut liegen.

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du dich für diese Lehre entschieden hast?

Die meisten meiner Freundinnen kannten den Beruf Polymechaniker/in kaum. Ihre Väter und meine männlichen Bekannten hingegen schon. Sie waren durchwegs positiv überrascht. Einige von ihnen haben vor Jahren einen ähnlichen Beruf gelernt und finden es cool, dass ich mich dafür interessiere. Manche meiner Kolleginnen haben gesagt: «Polymechaniker/in ist doch ein typischer Männerberuf, das könnte ich wahrscheinlich nicht!». Mir geht es nicht so. Seit der Schnupperlehre weiss ich, dass ich es kann und es mir Spass macht. Ich bin überzeugt, meine Freundinnen könnten es auch, wenn sie es versuchen und mit Selbstvertrauen daran gehen würden.

Ist der Beruf Polymechaniker/in EFZ wirklich ein «Männerberuf» oder ist das ein reines Klischee?

Es ist leider (noch) so. Ich bin die erste und bisher einzige Polymechanik-Lernende bei Ypsomed AG. Seit den drei Jahren, die ich nun im Unternehmen bin, ist bloss ein einziges Mädchen schnuppern gekommen, das sich dann aber nicht beworben hat. Auch in meiner Klasse in der Berufsschule bin ich die einzige Frau. Ich denke, viele junge Frauen kennen das Berufsbild zu wenig und kommen deshalb nicht auf die Idee, dass es interessant sein könnte. Oder sie befürchten, dass es in zehn Jahren keine Polymechanikerinnen mehr braucht, weil die Prozesse dann mehrheitlich automatisiert sein werden. Das ist aber Blödsinn: technisch versierte Handwerkerinnen wird es auch in zehn Jahren noch brauchen. Mag sein, dass sich das Berufsbild in dieser Zeit verändert, aber gewisse Prozesse müssen auch in Zukunft noch von Menschenhand ausgeführt, und können nicht so einfach automatisiert werden.

Hast du das Gefühl, dass dein Geschlecht dich im Berufsalltag beeinflusst, beziehungsweise einschränkt?

Manchmal ein bisschen. Es sind jedoch keine weltbewegenden Momente. Ab und zu ist ein Gerät oder Werkzeug zu schwer für mich. Dann frage ich einen Kollegen, ob er es für mich heben kann. Oder eine Mutter ist so fest angezogen, dass es mir nicht gelingt, sie zu lösen. Auch dann sind meine Mitarbeiter für mich da. Blöde Sprüche musste ich mir deswegen nie anhören. Es ist mir stets wohlwollend geholfen worden. Das ist auch die Haltung und Firmenpolitik, die Ypsomed ihren Mitarbeitenden vermittelt. Ich musste nie gegen Vorurteile kämpfen. Vielleicht gibt es hin und wieder ungläubige Blicke, wenn ich sage, dass ich nicht im Büro, sondern am Werktisch an hochmodernen Maschinen arbeite. Aber denen begegne ich gelassen.

Arbeiten Jungen anders als Mädchen? Was kann man voneinander lernen?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Denkweisen und Lösungswege von Frauen und Männern unterscheiden. Doch beide führen zum Ziel. Und wenn man sich beobachtet, kann man sich neue Blickwinkel und Herangehensweisen aneignen. Das ist ein spannender Prozess, auf den ich mich immer wieder gerne einlasse. Ausserdem habe ich beobachtet, dass ich mir als Frau bei der Dokumentation mehr Mühe gebe als einige meiner männlichen Kollegen…

Vermisst du es manchmal mit Mädchen zu arbeiten?

Manchmal wäre es schon schön, mal etwas mit Frauen machen zu können. Ich bin bei der Arbeit und in der Berufsschule stets von jungen Männern umgeben. Junge Frauen lerne ich deshalb nur selten kennen. Da fehlt zum Teil der Austausch. Aber ich habe immer noch gute Freundinnen von früher.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Ich möchte gerne auf dem Beruf bleiben und Erfahrungen sammeln. Gleichzeitig will ich mich jedoch nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Ich könnte mir z.B. vorstellen, nach der Lehre die Berufsmaturität nachzuholen (BM2). Das wäre dann eine gute Investition in die Zukunft. Denn ob ich das mit vierzig noch mache, weiss ich nicht. So könnte ich mich dann jederzeit in alle Richtungen weiterentwickeln. Dieser Gedanke gefällt mir.

Hast du noch irgendwelche Tipps an andere Frauen, die sich auch für einen «Männerberuf» interessieren?

Nicht von dummen Sprüchen unterkriegen lassen. Frau sollte nicht denken, dass sie weniger kann oder weniger Wert ist. Auch wenn es sich vielleicht mal so anfühlt. Am Anfang hatte ich in der Berufsschule kaum Kontakt zu meinen männlichen Kollegen. Mittlerweile ist daraus ein freundschaftliches Verhältnis mit viel Akzeptanz entstanden. Jeder hat Stärken und Schwächen, das ist völlig geschlechterunabhängig. Das muss man sich immer wieder bewusst machen. Wenn das Interesse da ist, dazu stehen. Trau’ dich, das zu machen, was du willst. Geh’ in verschiedene Firmen schnuppern und bewirb’ dich bei derjenigen, die am besten passt. Schnuppere auch in Berufe, die dir vielleicht fremd oder unpassend erscheinen oder von denen du nur wenig weisst. Manchmal stösst man so auf etwas, von dem man nie geahnt hätte, wie toll es ist!

Vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute in deiner beruflichen Zukunft!

 

Zu den Lehrberufen im Berufsfeld Metall und Maschinen

Im Berufsfeld Metall und Maschinen gibt es diverse verschiedene spannende Berufe. Als Polymechaniker/in EFZ produziert man resp. frau ganz unterschiedliche Teile aus Metallen, von der Kleinheit einer Uhrenschraube bis hin zur Grösse eines Turbinenrades mit mehreren Metern Durchmesser. Dazu werden moderne, computergesteuerte Bohr-, Dreh- und Fräsmaschinen und viele weitere Werkzeugmaschinen eingesetzt. Kunststofftechnologen und -technologinnen EFZ erledigen ähnliche Arbeiten, fokussieren sich dabei jedoch auf den Werkstoff Kunststoff. Anlagen- und Apparatebauer/innen EFZ stellen aufgrund technischer Zeichnungen Metallverkleidungen her, z.B. Gehäuse für Maschinen, Haushaltgeräte oder Stahlkonstruktionen. Metallbauer/innen EFZ erledigen ähnliche Arbeiten und produzieren dabei sogar ganze Metallkonstruktionen. Egal welcher Beruf, die Schweizer Metall-Industrie, als facettenreiche und innovative Hightech-Branche, ist stets eine attraktive Arbeitgeberin.

Zur Firma

Die Ypsomed AG ist marktführender Entwickler und Produzent von Injektions- und Infusionssystemen für die Selbstmedikation und eine renommierter Diabetes-Spezialist mit über 35 Jahren Erfahrung. Der Firmenname veranschaulicht optimal ihr Kerngeschäft, die Vermarktung von innovativen, hochwertigen und zuverlässigen Produkten und Dienstleistungen, die es Patienten ermöglichen, sich ihre Medikamente auf sichere und einfache Weise selbst zu verabreichen (denn «ipso» bedeutet «selbst» und «med» steht für «Medikation»). Das Unternehmen mit Hauptsitz in Burgdorf verfügt über ein globales Netzwerk von Produktionsstätten, Tochtergesellschaften und Vertriebspartnern und beschäftigt weltweit rund 1'900 Mitarbeitende.

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