«Generalsanierung HB Zürich»: Ein neues Kapitel in der Geschichte eines Wahrzeichens

05.03.2024 von Evelyn Hartmann Reportage

Einer, der dieses «Alphabet» lesen kann, ist der Steinbildhauer und Restaurator Gregor Frehner, bis Ende April 2024 noch Mitinhaber der Frehner Görner AG und Mitglied des Schweizer Verbands für Konservierung und Restaurierung. Als Fachbauleiter für die Sandsteinsanierung war er massgeblich am SBB-Projekt «Generalsanierung HB Zürich» beteiligt. Ich habe ihn getroffen und während eines Rundgangs ebenso ungewöhnliche wie spannende Einblicke gewonnen.

Der Wannerbau als Zeitzeuge

Nach fünf Jahren Bauphase konnte die «Generalsanierung HB Zürich» im Herbst 2023 erfolgreich abgeschlossen werden. Es war ein Mammut-Projekt der besonderen Art, denn seit der Fertigstellung des Gebäudekomplexes im Jahr 1871 durch Jakob Friedrich Wanner, war der Bahnhof nicht nur treibender Motor für den städtebaulichen Wandel, sondern wurde seinerseits auch selbst laufend an die sich verändernden Bedürfnisse angepasst und umgestaltet. «Das Faszinierende am HB sind unter anderem gerade die Zeitschichten der drei vorangegangenen Renovationen», betont Frehner. «Durch sie kann man Rückschlüsse darauf ziehen, was die damaligen Ansprüche waren und sehen, wie die Umsetzung erfolgt ist. Zwischen den Weltkriegen zum Beispiel war kaum Geld vorhanden. Daher wurden die Sandsteinfassaden kurzerhand mit einer Zementschlämme überzogen, wodurch die Fassaden vor der Sanierung in den 70er Jahren stark degradiert waren. Manchmal erlebt man natürlich auch Überraschungen, mit denen man nicht rechnen kann. So haben wir das Gewicht der Zinkfiguren auf dem Dach auf ca. 800 kg geschätzt. Als wir sie dann herunter holten, stellte sich heraus, dass sie wesentlich schwerer waren. Bei der letzten Restauration hat man sie einfach mit Bauschutt gefüllt, um sich die Erneuerung der verrosteten Verankerung zu ersparen.»

Ein «Peeling» für Sandsteinblöcke

Es sei nicht immer einfach gewesen, die verschiedenen Interessen, die bereits während der Planungsphase aufeinander trafen, in Einklang zu bringen. «Die Denkmalpflege legte Wert darauf, möglichst das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederherzustellen, während die Architekten nebst den Anforderungen an die Modernisierung der Haustechnik und heutigen Sicherheitsstandards ästhetische Konzepte im Blick hatten. Die SBB als Bauherrin machte die Auflage, dass die tausenden von Reisenden weder durch Geruchsemissionen noch durch Lärm, Wasser oder Staub gestört werden. Meine Handschrift brachte ich ein, indem ich ein Verständnis dafür schuf, dass die Spuren sämtlicher Zeitschichten einen Wert haben und dass man sie ehrlicherweise zeigen soll. Nur, wenn man dazu steht, dass es verschiedene Eingriffe gegeben hat und dass sich Materialien verändern, kann der Wannerbau seine Geschichte auch wirklich erzählen», erklärt Frehner weiter. Er deutet auf ein paar Sandsteinblöcke, die man absichtlich unbehandelt stehen liess, um zu zeigen, wie sie nach der Sanierung in den 70er Jahren ausgesehen haben: «Damals hat man in der Oberfläche des Sandsteins einen Prozess ausgelöst, der zu einer dunklen Schmutzschicht führte. Es ist uns gelungen, diesen chemischen Prozess umzukehren. Dazu haben wir in einem Gremium mit verschiedenen Expertinnen und Experten ein Gegenmittel mit Substanzen entwickelt, das man wie bei einem Peeling auftragen kann. Nach 24 Stunden Trocknungszeit, haben wir das gehärtete Latex wieder abgezogen. In der Zwischenzeit hat es dem Stein den Schmutz entzogen und die unschöne Gipskruste eliminiert. So konnten wir sogar die originale Patina der Sandsteine erhalten und obendrein den Auflagen der SBB, ohne Wasser, Lärm und Staub zu arbeiten, gerecht werden – obwohl mir das im ersten Moment ja vorgekommen ist, als müsste ich ein Käsefondue ohne Käse zubereiten.»

Steinmetzarbeit – ein nachhaltiges Handwerk

Insgesamt vier Firmen mit 25 Fachkräften waren allein für die Instandsetzung der Sandsteinsanierung zuständig. «Ein paar Steinmetze/-innen EFZ aus der Schweiz sind auch dabei gewesen», führt Frehner weiter aus. «Die meisten stammten allerdings aus Ländern, die heute noch eine grosse Steinmetz-Tradition pflegen, wie Portugal oder Italien. Es ist ein unglaublich gutes und schönes Gefühl, wenn man durch das eigene Handwerk Teil eines 150-jährigen Gebäudes wird und da ein eigenes Kapitel mit hineineinschreiben kann. Die Nachhaltigkeit unserer Arbeit, vor allem, wenn sie gelungen ist, hat etwas ungemein Zufriedenstellendes. Wobei es durchaus sein Gutes hat, dass einen das Handwerk so und so immer mit der eigenen Arbeit konfrontiert, auch dann, wenn etwas nicht gelungen ist.» Er erzählt von seinem eigenen Werdegang, der von viel Kreativität und Engagement zeugt. Mittlerweile ist es möglich, sich an Fachhochschulen zum/zur Konservator/in-Restaurator/in FH ausbilden zu lassen – wobei Frehner dringend empfiehlt, diesen Beruf von der handwerklichen Seite anzugehen, denn ohne zunächst einen konkreten Bezug zu verschiedenen Materialien zu haben und ein Gespür dafür zu entwickeln, fehle im Studium eine wesentliche Grundlage.

Der Südtrakt des HB erstrahlt in alter Pracht

Alles in allem ist Frehner sehr zufrieden mit dem Ergebnis, was die aufwändige Sandsteinsanierung angeht. Daneben haben die Maler/innen EFZ die Marmorsäulen in der neuen Schalterhalle der SBB unter zig Farbschichten wieder freigelegt, und auch die Stuckateurmeister/innen HFP haben ganze Arbeit geleistet. Im Durchschnitt arbeiteten täglich nicht weniger als 120 Handwerkerinnen und Handwerker aus verschiedenen Disziplinen auf der Baustelle. Der prunkvolle Südtrakt mit den ehemaligen Wandelhallen und dem Triumphportal zur Bahnhofstrasse hin, erstrahlt mit seinen hohen, luftigen und lichtdurchfluteten Räumen wieder in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild und auch die Wannerhalle zeigt nach ihrer Auffrischung ihre alte Würde. Noch immer bildet sie mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern den grössten überdachten Raum der Schweiz – und das ganz ohne Stützen. Noch immer pulsiert in ihr das Leben. Aus Rücksicht auf ihr hohes Alter wurde von der Denkmalpflege allerdings verordnet, dass sie fortan für mindestens zwei Tage pro Woche frei gehalten werden muss.

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