Wo sich Ross und Reiter die Sporen abverdienen

23.01.2024 von Rebecca Pozzoli Reportage

Im Mittelalter musste ein angehender Ritter als Knappe zunächst einmal eine lange Ausbildungszeit überstehen. Erst mit dem Ritterschlag zum Ende der Lehre wurden ihm schliesslich die Sporen als Belohnung gegeben. Dass er sich die Sporen auch wirklich verdient hatte, zeigte sich beim anschliessenden Turnier. Denn durch das Reiten mit Sporen ist eine sehr viel präzisere Signalgebung möglich.

Die Reitschule der Nation

Ganz so weit zurück geht die Geschichte des Nationalen Pferdezentrums NPZ in Bern nicht. Nichtsdestotrotz kann das NPZ auf eine mehr als 130-jährige Geschichte zurückblicken: Als Kavallerie und Remontendepot KRD im Jahr 1890 gegründet, wurden hier neu angekaufte Remonten (Jungpferde) fürs Militär ausgebildet. 1952 wurde aus dem Depot die Eidgenössische Militärpferdeanstalt EMPFA gebildet, mit mehr als 500 Mitarbeitenden und bis zu 1’200 Pferden. Als «Reitschule der Nation» brachte diese absolute Spitzenreiter hervor, darunter Olympiasieger und Weltmeister. Im Jahr 1997 wurde die EMPFA geschlossen und das Nationale Pferdezentrum NPZ als Genossenschaft gegründet. Seither bietet das NPZ Dienstleistungen rund ums Pferd zum Wohle der Schweizer Pferdebranche an. Auch heute noch selektioniert und kauft es jährlich rund zehn dreijährige Schweizer Warmblutwallache für die Armee, reitet und fährt diese ein und absolviert mit ihnen den Feldtest. Die Pferde durchlaufen daraufhin eine breite und solide zweijährige Grundausbildung, die sie auf ihr Leben als Militärpferd vorbereitet: Dressur, Springen, Geländetraining und Fahren. Im Alter von 5 Jahren werden sie nach Bestehen einer Abschlussprüfung das erste Mal ins Militär eingezogen und dienen dort bis zum 16. Lebensjahr.

Rundumservice vom Reitkurs über die Kuranstalt bis zur Hufschmiede

Das Angebot des grössten Schweizer Kompetenzzentrums rund um das Pferd ist breitgefächert. Es werden regelmässig Kurse in allen klassischen Disziplinen des Reitsports angeboten: Dressur, Springen, Military und Fahren. Erfahrene Reitlehrer und Reitlehrerinnen bieten für jedes Niveau entsprechende Kurse für Freizeitreiter ebenso wie für ambitionierte Sportreiterinnen. Das NPZ-Team pflegt die Pferde und bereitet sie auf ihre Einsätze vor. Sie werden täglich bewegt, geritten oder gefahren.

Das NPZ betreibt ausserdem eine Kuranstalt, wo verletzte oder erkrankte Pferde durch kundige Tierärzte und engagierte Mitarbeitende behandelt und gepflegt werden. Ähnlich einer Reha beim Menschen, werden die Pferde Schritt für Schritt aufgepäppelt und durchlaufen mit den Tierärzten und Bereiterinnen ein sorgfältiges Aufbautraining, bis sie wieder fit und einsatzbereit sind. Das Hufschmiedeteam kümmert sich um die Hufpflege und passt die neuen Eisen in der Schmitte an.

«Das beste Pferd im Stall» sind die Lernenden

Im Nationalen Pferdezentrum kann man sich zur versierten Fachkraft ausbilden lassen. Momentan lernen dort sieben motivierte junge Leute den Beruf Pferdefachmann/-frau EFZ mit Schwerpunkt «klassisches Reiten» oder «Betreuung und Dienstleistung» (Pferdepflege). Die Lehre dauert drei Jahre und bietet den Lernenden Einblick in alle Abteilungen des NPZs, vom Reit- bis zum Fahrstall. Mindestanforderung vor Beginn der Lehre ist im NPZ das Reiterbrevet. Bettina, Lernende im dritten Lehrjahr, gefällt es hier sehr gut: «Erst habe ich Köchin gelernt, doch irgendwie hat es mich von der hektischen Küche an die frische Luft gezogen. Wer aber meint, meine Arbeit sei primär Rössli zu streicheln, der irrt! Es handelt sich auch hier um körperlich anstrengende, durchgetaktete Arbeitstage, die morgens um sieben mit eineinhalb Stunden Stallausmisten beginnen. Manchmal muss am Wochenende gearbeitet werden, z.B. während Tournieren.» Am besten gefalle es ihr, Jungpferde einzureiten, die noch wild und ungestüm sind, meint Bettina. Aber auch das Unterrichten möge sie gerne.

Die Auswahl an Lehrstellen ist gross

Neben Pferdefachmann/-frau EFZ können weitere Berufe im NPZ gelernt werden. Wer eher praktisch orientiert ist, kann z.B. eine kürzere, zweijährige Lehre zur/zum Pferdewart/in EBA absolvieren. Hier wird der Schwerpunkt auf den Unterhalt und die Pflege der Pferde gelegt. Die Lernenden sind einem Stall zugeordnet und dort verantwortlich für das Wohlergehen der Pferde.

In der veterinärmedizinischen Klinik des NPZ werden drei Tiermedizinische Praxisassistent/innen EFZ ausgebildet, die eine Lehrzeit von drei Jahren absolvieren. Die vielseitigen Angebote rund ums Pferd im Bereich der Veterinärmedizin und der Reproduktion bieten einen abwechslungsreichen Alltag. Damit jedoch auch Einblicke in die Arbeit mit verschiedenen Tierarten gewonnen werden können, ermöglicht das NPZ ihnen Praktika in anderen Kliniken.

Wenn der Schuh drückt, läuft es sich nicht gut. So geht es auch den Pferden. Deshalb bildet das NPZ Hufschmiede EFZ aus, die sich um den Beschlag der Tiere kümmern. Die Schmitte ist eine der wenigen stationären Hufschmieden in der Schweiz. Neben dem Hufbeschlag können hier Schmiedearbeiten aller Art erlernt werden, sogar noch auf einer klassischen Esse.

Wo mit Mensch und Tier gearbeitet wird, fallen auch organisatorische, verwalterische Aufgaben an. Deshalb werden im NPZ auch Kaufleute EFZ, die auf Dienstleistungen und Administration spezialisiert sind, ausgebildet.

Nicht alle sind schulisch begabt oder psychisch stabil. Deshalb bietet das NPZ in Zusammenarbeit mit Bildungswege Steinhölzli Lehrstellen im Bereich der Pferdepflege für lernbeeinträchtige Jugendliche sowie für Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen an. Diese erhalten im NPZ eine fundierte Ausbildung rund ums Pferd und werden in den Arbeitsalltag und das Team integriert.

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